Chronik

Vorwort zur Chronik aus der Festschrift zum Jubelfest im Jahr 2001

Die Chronik eines Vereins zu schreiben, der sein 175 jähriges Bestehen feiert und dessen schriftliche Unterlagen nur von den letzten 50 Jahren vorliegen, weil alle älteren Belege durch die Wirren der Zeit, insbesondere durch die Besatzung gegen und nach Ende des 2. Weltkrieges und durch die Belegung des Vereinslokals mit Besatzungstruppen, verloren gegangen sind, ist ein etwas schwieriges und gewagtes Unterfangen. Notgedrungen muss eine solche Arbeit lückenhaft bleiben und auch gewisse Risiken betreffs Genauigkeit und Exaktheit der Aufgaben in Kauf nehmen. Der Verein war sich lange des herben Verlustes all der Unterlagen schmerzlich bewusst, und der im Jahre 1966 amtierende Vorstand mit dem Vorsitzenden Paul Flüthmann sagte sich: Klagen nützt nichts; wir müssen versuchen, die Vereinsgeschichte so gut wie möglich wieder auszugraben, zu rekonstruieren und festzuhalten, bevor immer mehr verblasst und verloren geht. So regte er an, die alten und vormals aktiven Mitglieder zu einer Zusammenkunft einzuladen. Im November 1966 trafen sich die Mitglieder des Vorstandes mit folgenden Herren: Ehrenvorsitzender Josef Laumann, Bernhard Voß, Rudolf Janning, August Müller, August Naber, August Volkery, August Flüthmann, Bernhard Stegemann, Johannes Antemann, Josef Spinola und Karl Klünnen. Das reiche Wissen dieser Männer wurde auf Tonband festgehalten und vom Schriftführer Bernhard Altenhülsing ausgewertet. Diese Ergebnisse, dazu zahlreiche Fotografien und Belege, die im Besitz einzelner Mitglieder waren und um deren Sammlung und Beibringung sich der Ehrenvorsitzende, der Vorsitzende und der Schriftführer mühten, brachten so viel Material zusammen, dass man es wagen konnte, eine ziemliche hieb- und stichfeste Chronik aufzubauen, mit dem Mut zur Lücke. Die ganzen Unterlagen wurden vom ehemaligen Vorsitzenden Heinz Schürmann mit enormem Fleiß überprüft, berichtigt und ergänzt. Sie bilden heute die Grundlage dieser Chronik.

Die ersten 60 Jahre

Tag und Datum der Vereinsgründung sind nirgendwo aufgezeichnet. Das Jahr 1826 wird als Gründungsjahr des Vereins angegeben. Es ist anzunehmen, dass der Verein aber älter ist. In einem Schriftstück vom 13. Januar 1830 hatte der damalige Bürgermeister Ludwig Reinhardt zu berichten, welche Vereine in Neuenkirchen Vogelschießen hatten. In diesem Schriftstück sind auch die Mitgliederzahlen angegeben. Der Schützenverein Sutrum-Harum hatte demnach 28-30 Mitglieder.
Aus der Überlieferung übernehmen wir, dass es sich in Sutrum-Harum im Jahre 1826 um eine Wiedergründung handelt. Initiator war damals der am 27.04.1798 geborene Bernard Hermann Keuhs vom damaligen Hof Flüthmann-Bölscher, heute Wilhelm Naber. An irgendeinem Tage des Jahres 1826 rief er zu einer Versammlung in der Gastwirtschaft Lacombe – heute befindet sich dort die Metzgerei Evers – auf, um über die Wiedergründung eines Schützenvereins Sutrum-Harum zu beraten und ihn wieder ins Leben zu rufen. Etwa 20 Männer aus der Bauerschaft folgten seinem Aufruf. Die Geburtsstätte lag also außerhalb der Bauerschaft, und 50 Jahre lang feierte der Verein in Ermangelung einer Gaststätte in der Bauerschaft daselbst alle Veranstaltungen.
Wer glaubt, dass man nach Gründung mit vollen Segeln auf das Schützenfest zusteuerte, irrt sich. Man handelte nach der Devise: Gut Ding will Weile haben. Erst zwei Jahre nach der Gründung, also im Jahre 1828, wurde das erste Schützenfest gefeiert. Wer den Königsschuss tat, ist nicht bekannt, auch nicht, wie die Königsehrung vonstattenging und welche Rechte und Pflichten der König hatte. Eine Königskette war mit Sicherheit nicht vorhanden. Es ist auch kaum anzunehmen, dass der König durch irgendwelche anderen Insignien ausgezeichnet wurde. 34 Männer sollen sich an diesem ersten Schützenfest beteiligt haben.

Auch für die folgende Zeit bis in die neunziger Jahre des vorvorigen Jahrhunderts sind aus der Überlieferung nur sehr dürftige gesicherte Kenntnisse vorhanden. Es ist z.B. nicht bekannt, in welchen Abständen das Schützenfest gefeiert wurde; sicherlich nicht jedes Jahr. Fraglich bleibt, ob es dafür überhaupt eine feste Ordnung gab oder ob man nur unter günstigen Verhältnissen feierte. Man darf wohl annehmen, dass der Verein noch über keine Satzungen und Statuten verfügte. Am 26. Dezember 1861 starb der Gründer des Vereins. Wie lange er in der Führung des Vereins tätig war, ist unbekannt.

Außer dem Schützenfest feierte man auch sehr bald Fastnacht “Fastaobend”. Am Tage vor dem Fest wurden bei den Mitgliedern Mettwürste aufgeholt, die dann im Vereinslokal gebraten und mit Kartoffeln und Apfelkompott verzehrt wurden. Schnaps und Bier wurde dabei reichlich zugesprochen. Ein Musiker, gewöhnlich jemand aus der Bauerschaft, sorgte für Unterhaltung. Der deutsch-französische Krieg 1870/71 forderte auch etliche Opfer unter den Schützenbrüdern, an die eine heute noch vorhandene Fahnenschleife erinnert.

Im Jahre 1876 wurde das Vereinslokal Lacombe aufgegeben. Gerhard Kaulinglöbbers hatte das Anwesen Nr. 42 in Sutrum-Harum erworben und richtete dort eine Gastwirtschaft ein. Er war kein gebürtiger Neuenkirchener, sondern hatte etliche Jahre als Knecht in Diensten des Gastwirtes Schmitz (Niehues/Hospes) gestanden und war unter der Bevölkerung in dieser Position mit seinem Rufnamen und mit seiner Beziehung zu seinem Dienstherrn recht populär geworden. Man kannte ihn nur als Schmitz‘ Giärd. Diesen Namen nahm er auch mit in die Bauerschaft Sutrum-Harum. Man ging nach Schmitz Giärd oder nach 42 (Tweenvettig), aber nie nach Kaulinglöbbers.
Seine Originalität und sein Witz ließen die Bewohner Sutrum-Harums sich bei ihm wohlfühlen, und der Schützenverein wählte sich die neue Gaststätte als Vereinslokal. Die Kundschaft in einer so abgelegenen Wirtschaft und demzufolge der Verzehr waren in den ersten Jahren gering. Das Bier war oft abgestanden und schal. Beschwerten sich die Gäste: “Giärd, dat Beer schmeck nich!”, so antwortete er ungerührt “Well’t nich mag, kann’t staohn loaten, usse Giärd un ick müegt’t wull”, wobei er sich in doppelter Person verstand.

Bis zum ersten Weltkrieg

Ab 1890 fließen die Nachrichten und Kenntnisse über den Schützenverein etwas reichhaltiger. Der erste namentlich bekannte König ist Hermann Mühren. Ihm gelang 1891 der Königsschuss. Die Könige der Jahre 1892 – 1896 sind nicht bekannt. 1897 wurde Hubert Brink Schützenkönig; er erkor sich Maria Heßling – Klünnen – vom Vinnhagen zur Königin.
Aus dieser Zeit sind auch einige Einzelheiten vom Schützenfest bekannt.
Der Verein zählte ca. 40 Mitglieder. Das Schützenfest wurde an einem Montag gefeiert. Die am Fest teilnehmenden Schützenbrüder zahlten ein Gelag von 4,00 Mark. Die Offiziere trugen als einzigen Schmuck einen Federbusch; beritten waren sie noch nicht. Die Vogelstange stand bei Kösters – heute Stegemann – an der Mesumer Straße (Kösters bi de Schüttenrode). Geschossen wurde mit einem Karabiner auf einen hölzernen Vogel. Die Krönung des Königspaares erfolgte gleich im Anschluss an den Königsschuss unter der Vogelstange. Dem Königspaar oblagen gewisse Pflichten. So hatte die Königin dem Vorstand und den Offizieren ein Abendessen zu servieren. Der König musste auf dem Königsball allen Schützenbrüdern einen Schnaps spendieren und für die Damen ein Glas Zuckerbier. Nach dem Abendessen versammelten sich die Schützen mit ihren Damen zur festlichen Polonaise durch die Bauerschaft, angeführt von einer Musikkapelle. Eine selbst-gefertigte Fahne wurde vorangetragen. Der Königsball fand auf der Tenne des Vereinslokals statt.

Sutrum Harum Hermann Mühren

Hermann Mühren

Sie reichte weder in ihren Ausmaßen noch in der Qualität für einen ordentlichen Ball. Damit aber das Tanzbein in rechter Weise geschwungen werden konnte, wurde auf dem Dielenpflaster ein Bretterfußboden verlegt, und extra angestellte Ordner sorgten dafür, dass beim Tanz auch alle an die Reihe kamen. Verheiratete und Junggesellen feierten getrennt. Der Grund dafür scheint Platzmangel gewesen zu sein.
Das Jahr 1900 brachte einige Veränderungen und Neuerungen. Zum ersten mal feierten Verheiratete und Junggesellen den Königsball zusammen. Der Vereinswirt hatte diese Möglichkeit durch den Neubau eines Saales geschaffen. Erstmalig ist auch die Rede von einem Kirchgang. Während der Messe spielte im Turm der neuen Kirche die hiesige Feuerwehrkapelle. Nach der Messe fand in der Gastwirtschaft Gatersleben ein Frühschoppen statt, ein Brauch, der zur Tradition wurde und bis 1999 fester Bestandteil zum Sutrum-Harumer Schützenfest war. Nach Schließung der Gaststätte Gatersleben im Jahre 2000 findet der sog. Kleine Frühschoppen in der Gaststätte “Haus Niehues”, Inh. Heinz Klumps, statt.
Im Jahre 1900 wurde auch eine neue Fahne angeschafft. Das erforderliche Geld hatten die Schützenbrüder August Pohl und Gerhard Mühren bei den Mitgliedern gesammelt. Die alte selbstgefertigte Fahne wurde jedoch bei Veranstaltungen weiterhin mitgeführt.

Der Vorstand um die Jahrhundertwende bestand aus den Herren August Laumann, Bernhard Löcken, Hermann Kappelhoff und Bernhard Mühren. An der Spitze des Vereins stand also ein Vierergremium vom Brink. Von einer Aufteilung der Ämter ist nichts bekannt, wahrscheinlich wurde die Arbeit in gut nachbarschaftlicher Art geleistet. Gleichwohl wird die Rolle des Vorsitzenden August Laumann zugeschrieben. Zu dieser Zeit wurde das Schützenfest schon jährlich gefeiert. Die Liste der bekannten Könige jedoch weist bis zum Jahre 1910 noch beträchtliche Lücken auf. So sind die Könige von den Jahren 1898 – 1903, 1907 und 1909 unbekannt und nicht mehr festzustellen. Die Königswürde scheint auch nicht sehr begehrt gewesen zu sein; denn 1908 zauderte man sehr lange, den entscheidenden Schuss zu tun. Schließlich soll sich Heinrich Schürmann, der bereits 1904 König geworden war, ein Herz genommen und den Vogel den Garaus gemacht haben mit den Worten: “Wenn’t nich eene dohn will, do ick’t noch eenmoal”. Ob die geringe Bereitschaft finanzielle Ursachen hatte? Zumindest scheint die finanzielle Lage des Vereins um diese Zeit nicht gerade rosig gewesen zu sein; denn 1911 verpflichtete man aus Sparsamkeitsgründen eine billige Kapelle aus Ochtrup, verlegte das Schützenfest wieder auf den Sonntag und gewährte auch Nichtmitgliedern Zutritt zum Tanz. Für die Vereinskasse waren die Maßnahmen erfolgreich. Nach Einlösung aller Verpflichtungen wies sie noch einen Bestand von 300,00 Mark aus.